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Wanderin

Wanderin 

Ich möchte alle Teefreunde willkommen heissen. Das heutige Konzert findet im Rahmen der Ausstellung «Verwandlung» statt. Ich freue mich die anwesenden Akteure Walter und Neil bei uns zu begrüssen.

Dann möchte ich mich bedanken bei Pichin Chien und Fabian Müller. Mit den beiden renommierten Musikern bin ich seit einigen Jahren befreundet, und zusammen bestreiten wir fast jährlich ein Tee-Musik-Projekt. Pichin und Fabian sind nicht nur ausgezeichnete Musiker, sie führen ihr musikalisches Talent in eine andere Dimension über, um einen gesellschaftlichen Beitrag zu leisten: So ist in Taiwan ein grossartiges internationales Cello-Festival entstanden. Und in Zürich findet seit einigen Jahren das Musikfestival Confluence statt. Der Westen begegnet dem Osten. Dort wo fremde Gegensätze aufeinandertreffen, können sich neue Möglichkeiten für uns alle eröffnen.  

Das Thema unseres Konzerts ist «Flügelschlag des Sommervogels». Theoretisch kann der Flügelschlag eines Schmetterlings einen Tornado an einem anderen Ort auslösen oder diesen verhindern. Mit diesem Titel möchte ich das Potential beschreiben, wie kleine Veränderungen grosse Unterschiede in der Entwicklung hervorrufen können, wie zum Beispiel die «Fremde». Die Fremde ist vielleicht eine Figur im Aussen. Sie ruft Irritation wie auch Anreiz hervor. Die Fremdheit kann Spannung erzeugen, aber auch den Dialog und die Erweiterung des Bewusstseins fördern. Sie kann als Motor gesellschaftliche Veränderung initiieren oder vorhandene stagnierende Strukturen herausfordern, diese aber auch erweitern.

Vielleicht ist «Fremdheit» eine Bezeichnung eines Zustands, der in uns allen liegt. «Sich anders zu fühlen» gibt uns das Potential einer neuen Orientierung, von Nähe und Distanz, einen Raum für Selbstfindung und Individualisierung. Fremdheit kann Individuation hervorrufen und uns helfen zu einem einzigartigen ganzheitlichen Menschen zu werden.

Fremdheit kann wie ein Ferment wirken.

Vor 17 Jahren kam ich als eine Fremde nach Zürich.

16.11.2025

Ich stamme von einer Insel am Rande des Pazifiks. Sie war Schauplatz kolonialer Expansion von Abenteurern, und sie war Erfüllungsort vieler Schicksale. Meine Vorfahren waren Piraten, Flüchtlinge, Wanderer.

Ich bin eine Wanderin, die gestern in Zürich ankam, heute bleibt und morgen vielleicht wieder aufbricht. Vielleicht aber bleibe ich doch noch hier, mitten in der Altstadt, wo ein wunderschöner Garten entstanden ist, ein Garten des Tees, ein Ort der Begegnung.

Vor zweitausend Jahren wurden Wanderinnen auch in der Poesie beschrieben. Für die damalige Dynastie im heutigen China kamen sie aus dem Norden aus dem heutigen Sibirien, und aus Kleinasien nach der damaligen Han-Hauptstadt Changan und verkauften dort ein fremdes Getränk: Wein. Diese Frauen trugen den Namen «Hu-Ji» - nördliche Schönheit. Nordische Schönheiten waren öffentliche Frauen, die man begehren dufte. Die Tang-Dichter, männlich und fantasievoll, fingen die anmutigen Blicke, die engelhaften Gesänge und die reizende Fremdheit in ihrer Poesie auf.

Wir wissen nicht, ob diese schönen Frauen aus dem Vorderen Orient freiwillig oder gezwungenermassen nach Chang-An kamen. In der offiziellen Geschichtsschreibung existieren sie nicht. Die einzige Überlieferung ihrer Existenz ist die Poesie.

Mit dem Gedicht von Xin Yannian, welches wir später aufführen werden, bekam diese unauffällige Figur der Hu-Ji ihren ersten Platz in der schriftlichen Überlieferung. Sie bereicherte einerseits das kulturelle Leben in der damaligen Zeit und wurde zum Symbol exotischer Schönheit und geheimnisvoller Romantik. Gleichzeitig verkörperte sie die Intensität des Kulturaustausches und die Rolle des Fremden als Ferment der gesellschaftlichen Entwicklung. Andererseits wirkten diese Frauem damals nicht nur als Projektionsfläche, sie waren auch kulturelle Vermittlerin und Friedenstifterin. Bis heute herrscht im asiatischen Kontinent immer noch eine Spannung zwischen Norden und Süden, zwischen Westen und Osten. In der immer wieder mit Konflikten geprägten Geschichte Asiens waren sie Zeichen von Frieden und Toleranz.

Das heutige Teekonzert wurde 2013 uraufgeführt. Damals wurde Fabian Müller von mir beauftragt, diese Gedichte der alten Dynastien über die Wanderin in 1. Jahrhundert und 8. Jahrhundert nach Christus ertönen zu lassen. Damals wurde es aufgeführt ohne Tee als Begleiter. Heute ist der Tee anstatt der Wein Begleiter unserer Zusammenkunft.

Die Musik trifft auf Tee. Es ist eine scheinbar kleine Begegnung, die in der Wirklichkeit mehr bewegen kann. Wenn wir die heutige Begegnung von Klang, Ton und Geschmack verwandeln können, können wir beginnen, unser Leben ästhetisch und sinnlich zu gestalten. Es ist vielleicht der Beginn einer friedlicheren Welt. 

Auch die Tang-Dichter waren Wanderer. Sie wanderten zwischen den unterschiedlichen Kulturkreisen verschiedener gesellschaftlicher Milieus umher. Li Bo war zum Beispiel ein Wanderer und vielleicht ein Mischling aus Kasachstan. Er war ein hoch gelobter Dichter. Es wurde überliefert, dass er hoch betrunken den Mond im See pflücken wollte. Um sich dem Mond zu nähern, warf er sich in den See und ertrank. Im Wasser wurde er mit dem Mond vereint. In dieser freizügigen Fantasie lebte Li Bo seine Sentimentalität, und seine individuelle Art zu leben war fremd für die damalige Zeit. Vielleicht suchte er die Nähe des anderen – auch bei den fremden Frauen. Hu-Ji war eine der wichtigsten Figur seiner Dichtungen.

Die Tang-Dynastie war eine Blütezeit der Kunst, bereichert durch Völkerwanderung und Vermischung der Kulturen. Fremde Frauen in  der Hauptstadt Chinas Chanan – das heutige Xian - , belebten das öffentliche Leben. Sie waren Symbol der Toleranz und Frieden in Zeiten wiederkehrender militärischen Auseinandersetzungen. Im Laufe der Zeit integrierten sie sich in die Gesellschaft. Die Tang-Dynastie zerfiel. Das Kaiserreich wurde immer verschlossener. Dichter wie Li-Bo waren nicht mehr zu vernehmen.

Wir alle möchten unsere Individualität zum Ausdruck bringen, möchten anders sein als andere. Und dieser Gedanke, ein bisschen anders zu sein als meine Leute auf einer Insel, war der Grund für meinen Aufbruch in die Fremde. Ich wurde Fremde unter Fremden. Aber im Laufe der Jahre wurde es mir immer klarer, dass es sich nicht nur darum handelte, anders zu sein als andere, sondern im ganz eigenen Leben anzukommen. Das ist schwerer als bloss anders zu sein.                                                                                                         

Ich weiss nicht, ob die Hu-Ji vor 13 Jahrhunderten die Wahl hatten, hier oder dort zu sein. Es ist zu wenig überliefert über ihr tatsächliches Schicksal. Möglicherweise waren sie Wanderinnen, die gestern in Chanan eintrafen und irgendwann weiterzogen. Ebenso gut ist es möglich, dass sie ankamen und blieben, dass sie sich in der Gesellschaft integrierten und unter den vielen Gesichtern verschwanden.                                                                       6.9.2013